Beitragssuche

Datum / Zeitraum:
Beitragsart:
Kategorie:

1916 – 1959 – 2009

31.März 2009 | Beiträge – jüdisches berlin | Gemeinde

Im April 2009 jährt sich zum 50. Mal die Wiedereinweihung der Synagoge Fraenkelufer

Am 21. April 1959 teilte ≫Der Abend≪ den Berlinern mit: ≫Am Vorabend des judischen Osterfestes weiht die Judische Gemeinde morgen am Fraenkelufer im Bezirk Kreuzberg eine neue Synagoge ein. [...] Bereits im Jahre 1913 baute die Judische Gemeinde hier fur uber 2000 Mitglieder aus den Bezirken Kreuzberg, Neukolln und Tempelhof eine Synagoge, die wie alle judischen Gotteshauser von den Nazis zerstort wurde. In einem kleinen Nebengebaude errichtete man nach 1945 eine behelfsmasige Synagoge, die jetzt ausgebaut wurde und neue Kultgegenstande erhielt....≪
Bis dahin hatte das Gotteshaus eine bewegte Geschichte durchstanden. Der Ausdruck ≫neue Synagoge ≪ in der Zeitungsmeldung ist nicht ganz korrekt. Genau genommen feierte die Gemeinde am 22. April 1959 in der fruheren Jugendsynagoge die Wiedereinweihung eines Gotteshauses, das ursprunglich zu einer groseren Synagoge gehorte, deren Ruine in den Monaten zuvor abgerissen worden war.
Die Baugeschichte der Synagoge begann 1911, als die Gemeinde das zwischen Kottbusser Ufer 48–50 und Britzer Strase 19 liegende dreieckige Grundstuck erwarb. Das Wachstum Berlins seit der Reichsgrundung 1871, der Zuzug von Juden aus der Stadtmitte, aus den preusischen Provinzen sowie aus Polen und Russland lies die judische Bevolkerung auch in den Ausenbezirken und den damaligen Vororten Charlottenburg, Wilmersdorf und Schoneberg anwachsen. 1910 gab es im Berliner Suden und Sudosten, im 6. Stadtbezirk, 10 000 Juden, gemeinsam mit Treptow und Neukolln sogar 14 000. Als 1920 die Stadtgemeinde Berlin gegrundet wurde, erhielt der Bezirk den Namen Hallesches Tor und spater den Namen Kreuzberg.
Bis 1911 verfugten die 142 000 Juden Gros-Berlins neben zahlreichen kleineren Privatsynagogen uber sechs Gemeindesynagogen mit 11 630 Platzen. Zu wenig fur die vielen Gemeindemitglieder, die geografische Entfernung und die Vielfalt der religiosen Stromungen.
Die Pläne zum Bau der (in Form einer dreischiffigen Basilika neoklassizistisch gehaltenen) Synagoge stammen vom Gemeindebaumeister Alexander Beer (1873 – Theresienstadt 1944). Der Beter betrat das Gotteshaus am Landwehrkanal vom Kottbusser Ufer aus ≫uber eine breite etwa 1 m hohe Freitreppe unter den in dorischen Formen gehaltenen Saulenvorbau...≪. ≫Ein monumentaler antikisierender Portikus≪, verziert mit dem Davidstern in einem Schild und zwei Rundfenstern, beherrschte die Fassade des Komplexes. Mit Rucksicht auf die Bedurfnisse der gesetzestreuen Beter wurde keine Orgel installiert und das Innere nach Geschlechtern getrennt organisiert. Uber den Vorraum gelangte man links und rechts uber Treppen zu den – nach drei Seiten umlaufend balkonartig in den Raum reichenden – Frauenemporen. Eine zweite Empore, terrassenformig erhoht, gliederte sich an der Stirnseite der unteren an.
Der Hauptraum war ein hoher weiter Raum, bei dessen Betreten der Blick auf die Bima mit dem Vorbetertisch, die dahinter liegende Kanzel und schlieslich die Heilige Lade fiel. Der Innenraum war reich bemalt. Im linken Seitenflugel befanden sich die Wochentagssynagoge und ein Saal fur den Jugendgottesdienst; eine Treppe fuhrte zu einer Empore und zur Wohnung des Pfortners. Im rechten Seitenflugel ordnete Beer den Trausaal, ein Dienstzimmer und die Wohnung des Hausmeisters an.
Die Fertigstellung des Baues, der 2000 Betern Platz bot, zog sich bedingt durch die angespannte Wirtschaftslage und den Krieg uber drei Jahre hin. Uber die Einweihungsfeier, an der Vertreter des Magistrats, der Bezirksverwaltungen und der Polizei teilnahmen, berichtete das Judische Gemeindeblatt: ≫Am Sonntag, den 17. September, fand in Gegenwart einer grosen Festgemeinde, die das Gotteshaus bis auf den letzten Platz fullte, die feierliche Weihe der in den Kriegsjahren 1914–1916 errichteten Synagoge Kottbusser Ufer statt. ... Der Festakt wurde durch den vom Synagogenchor unter Leitung seines Dirigenten Arno Nadel vorgetragenen Gesang ≫Ma tauwu≪ von Lewandowski eingeleitet. ... Rabbiner Dr. Bergmann entzundete mit einem Weihegebet die ewige Lampe. ... Nach neuem Chorgesang (Beethovens ≫Herr Deine Gute reicht so weit die Wolken gehen≪) hielt Rabbiner Dr. Rosenzweig die Weihepredigt.≪ Dem Zeitgeist entsprechend und unter dem Eindruck des Weltkriegs waren die Ansprachen patriotisch gefarbt. Der erste an der Synagoge tatige Rabbiner war ubrigens Dr. Isidor Bleichrode (1867 – 1954), der bis zu seiner Auswanderung 1932 nach Jerusalem hier amtierte.
Der Gebaudekomplex entwickelte sich zu einem Zentrum judischen Lebens fur die Umgebung: Religionsschule, Jugendfursorgestelle und Wohlfahrtskuche zogen ein. Auf der Ruckseite des Grundstucks, am Eingang Britzer Strase 19, legte Beer 1916 den Platz fur die transportable Laubhutte mit aufklappbarem Dach fest, die er auch selbst entwarf und in der spater das Jugendheim seinen Platz fand.

Synagoge Kottbusser Ufer, 1916  Foto: Deutsche BauzeitungUrkunde der ersten Hochzeit nach dem Krieg des Ehepaars Gumpel am 7. Oktober 1945   Foto: Archiv Centrum JudaicumEinladung des Kindergartens der Synagoge ausd en 20er Jahren  Foto: Archiv Centrum JudaicumHauptsynagoge Kottbusser Ufer 1916   Foto: Deutsche Bauzeitung , 5.8.1916

Das Wohlfahrts- und Jugendamt der Gemeinde richtete 1925 einen Kindergarten und Hort auf dem Grundstuck ein, wo zunachst 35 Kinder von einer ausgebildeten Erzieherin versorgt wurden. Ziel war es, ≫judisches Leben zu pflegen, die Kinder wahrend der Nachmittagsstunden bei den Schularbeiten zu beaufsichtigen und Gelegenheit zum Spielen zu geben.≪ Fur die Betreuung kleinerer Kinder kam 1926 im Garten eine Baracke und 1927 ein Ferienspielplatz hinzu. Während der Weltwirtschaftskrise und nach dem 30. Januar 1933 ubernahm das Kottbusser Ufer 48-50 immer mehr soziale Aufgaben: fur den Bezirk Suden waren hier das Judische Wohlfahrts- und Jugendamt, eine Ausgabestelle der Judischen Winterhilfe, eine Wohlfahrtskuche sowie eine Beratungsstelle der Abteilung Jugendpflege ansassig; letztere organisierte auch Sprach- und Bildungskurse. Im Mai 1937 wurde das Kottbusser Ufer nach einem SA-Mitglied in Thielschufer umbenannt. Bei den Novemberpogromen versuchten SA-Leute, das Gotteshaus in Brand zu setzen; Polizei und Feuerwehr behinderten sie jedoch, um eine benachbarte Schule nicht zu gefahrden. Die Hauptsynagoge wurde auserlich beschadigt und der Innenraum so demoliert, dass dort keine Gottesdienste mehr stattfinden konnten; sie wurden in den linken Flugel verlegt. Schon im Dezember 1941 wurde das Grundstuck auch als Lagerort fur Gegenstande aus dem Besitz deportierter Juden missbraucht. Einen Monat spater beschlagnahmte die Gestapo das gesamte Gelande und stellte hier Militarfahrzeuge unter. Der Hauptbau wurde wahrend eines Bombenangriffs schwer beschadigt. Der linke Flugel mit der Wochentags- und Jugendsynagoge blieb auserlich unversehrt. Robert Capa dokumentierte dort im September 1945 den ersten Rosch Haschana-Gottesdienst seit 1938 und veroffentlichte seine Fotos im Life Magazine. Unter den 500 Betern waren uberlebende Berliner Juden, aber auch sowjetische und amerikanische Soldaten. Und bereits am 8. Oktober 1945 fand hier die erste judische (Doppel-)Hochzeit statt: Martin Riesenburger traute Bruno Gumpel und Ruth Arndt sowie Erich Arndt und Ellen Lewinski – alle Uberlebende im Berliner Untergrund. Im Archiv der Stiftung Neue Synagoge Berlin werden noch die ersten Sitzplane und Eintrittskarten von 1946/47 aufbewahrt. 1947 fand auch wieder Religionsunterricht fur Kinder statt und die Strase wurde nach dem judischen Mediziner Albert Fraenkel in Fraenkelufer umbenannt. 1958/59 wurde die Ruine der Hauptsynagoge abgerissen und die ehemalige Jugendsynagoge umfangreich instand gesetzt. Bima, Heilige Lade, Banke mit 188 Manner- und 90 Frauenplatzen wurden neu eingebaut und der Vorgarten eingefriedet. Die Neueinweihung am 22. April fand unter starker Beachtung der Offentlichkeit statt. 2009 jahrt sie sich zum 50. Mal. Die Judische Gemeinde und die Stiftung Neue Synagoge bereiten aus diesem Anlass eine Publikation zur Geschichte der Synagoge vor.

Daniela Gauding