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In der Delegitimierung Israels zeigt sich das neue Gesicht des Antisemitismus

01.Februar 2010 | Beiträge – jüdisches berlin | Politik

Die Konferenz des Globalen Forums für die Bekämpfung des Antisemitismus in Jerusalem

Im Dezember fand in Jerusalem die dritte internationale Konferenz des »Global Forum for Combating Antisemitism« (GFCA) statt. Mit mehr als 500 Teilnehmern aus über 50 Ländern ist das GFCA die derzeit größte internationale Allianz zur Bekämpfung des Antisemitismus. Das im Jahr 2000 gegründete GFCA hat als Ort des Informationsaustausches, der Vernetzung und Koordination eine zentrale Bedeutung. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist Mitglied des Forums und wurde bei der jüngsten Konferenz durch Levi Salomon, den Beauftragten für die Bekämpfung des Antisemitismus und Vorsitzenden des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA), vertreten. 

Aviva Raz Shechter, Leiterin der Abteilung für Antisemitismusbekämpfung im israelischen Außenministerium, brachte in Jerusalem Politiker, Wissenschaftler, Experten und Aktivisten aus aller Welt zusammen, um bei einer dicht gedrängten Tagesordnung aktuelle Entwicklungen zu diskutieren, aber auch unterschiedliche Schwerpunkte und Kontroversen zu verhandeln. Auf der Agenda standen Themen wie die Delegitimierung Israels in der internationalen Arena und Antisemitismus in der arabischen und muslimischen Welt.

Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman beschrieb die Strategie, deren sich der gegenwärtige Antisemitismus bedient: »Statt zu sagen ‚Werft die Juden ins Meer’ sprechen die Antisemiten von einer Welt ohne Zionismus und ohne Israel!« Der Iran stelle dabei eine zentrale Bedrohung dar. Er leugne den Holocaust, rufe zur Zerstörung Israels auf und sei bemüht, Atomwaffen zu erlangen. »All das erinnert uns daran, was vor 70 Jahren passiert ist«, sagte Lieberman.

Auch Israels Minister für Diasporafragen, Yuli Edelstein, bestätigte auf der Konferenz, dass der traditionelle Antisemitismus zunehmend durch Antizionismus und die damit verbundene Delegitimierung Israels abgelöst werde. Da es heutzutage in einigen Ländern nicht mehr zulässig sei, Hass gegen Juden offen zu äußern, manifestiere sich Antisemitismus nun in einem neuen Gewand. Edel sagte: »Es gibt keine Juden mehr. Stattdessen sind es die Israelis. Israelische Soldaten töten Babys. Israelische Soldaten greifen schwangere Mütter an. Israelis haben die Kriege im Irak und in Afghanistan angefangen«. Dies erinnere an altbekannte Verschwörungstheorien.

Prof. Robert Wistrich, Direktor des Vidal Sassoon International Center for the Study of Anti-Semitism, unterstrich, dass der Antisemitismus nicht mehr primär vom Staat ausginge (der Iran sei eine nicht zu unterschätzende Ausnahme), sondern von der Zivilgesellschaft. Nach einer Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld stimmten über 40 Prozent der Europäer der Aussage zu, Juden versuchten, ihre Vorteile aus dem Holocaust zu ziehen. Der heutige Antisemitismus aktualisiere sich fortwährend, greife aber weiterhin auf klassische Versatzstücke und religiöse Motive zurück.

Konferenz des »Global Forum for Combating Antisemitism« 	Foto: Levi Salomon

Konferenz des »Global Forum for Combating Antisemitism« Foto: Levi Salomon

Viele Delegierten problematisieren, dass Antizionismus als eine Neuformulierung der traditionellen Bedrohungen für Juden auch in akademischen und sich links verstehenden Kreisen verbreitet sei. Weltweit würden Intellektuelle, Gewerkschafter und selbst ernannte Antirassisten den Ausschluss von Israelis aus der akademischen, kulturellen und wirtschaftlichen Welt fordern und Juden als die neuen Rassisten und Nazis diffamieren. Zur Untermauerung ihrer Argumente bedienten sie sich auch bei extrem rechten Verschwörungstheorien und rechtfertigten auf diese Weise antisemitische Gewalt und Terrorismus.

Auch die inzwischen fast wieder salonfähigen Relativierungs- und Leugnungsversuche der Schoa wurden mit großer Besorgnis zur Kenntnis genommen. Überdies diskutierten die Konferenzteilnehmer, ob allein durch eine Holocaust-Erziehung dem neuen Antisemitismus entgegengetreten werden könne, da dieser mit Israel als »kollektivem Juden« einen neuen Schwerpunkt gewonnen habe. Auch das Erklärungsmodell, nach dem Israel seine Entstehung und Legitimation allein aus der Schoa ziehe, wurde hinterfragt, da es bedeutende historische und religiöse Argumente für das Existenzrecht ignoriere.

Ein anderes Panel der Konferenz drehte sich um das Thema »Antisemitismus online«. Auch Professor Yehuda Bauer von der Hebrew University betonte die Bedeutsamkeit der neuen Medien und plädierte dafür, anti-antisemitische Medien wie das Middle East Media Research Institute (MEMRI) stärker zu unterstützen. Zudem würden Online-Netzwerke wie Facebook und Twitter inzwischen weltweit intensiv genutzt und sollten bei der Antisemitismusbekämpfung vermehrt im Fokus stehen.

Weitere gewichtige Themen der Konferenz waren die Situation in Lateinamerika und der sich dort vergrößernde Einfluss des Irans sowie die Erstarkung nationalistischer Tendenzen in Zentral- und Osteuropa.

Auf einer bewegenden Zeremonie in der Knesset wurden fünf Parlamentarier für ihre Arbeit geehrt – unter anderem waren dies der frühere kanadische Justizminister Irwin Cotler und der langjährige deutsche Bundestagsabgeordnete und ehemalige persönliche Beauftragte des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus, Gert Weisskirchen.

»Es ist nicht genug, eine Sitzung nach der anderen zu besuchen und immer aufgeklärter zu werden und besser zu verstehen, was wir nie verstehen werden – denn es ist gegen alle Vernunft, Moral und Logik«, mahnte Abraham Foxman, der Anti-Defamation League National Director, bereits bei der Eröffnungssitzung der Konferenz. Von der aktuellen Situation zeichnete er ein schwarzes Bild. Es gebe kein Land, so Foxman, das 2009 nicht Zeuge antisemitischer Manifestationen gewesen sei: »Seitdem wir leben,  oder zumindest die meisten von uns, war die Lage noch nie ernster«. Er forderte eindringlich, dass die Welt mehr tun müsse, als Antisemitismus nur zu erfassen und zu analysieren.     

In diesem Sinne ist zu hoffen, dass die Konferenz als Anlass zum Handeln verstanden wird und mithilfe der gebildeten Netzwerke neue Projekte und Initiativen entstehen, die den Kampf gegen Antisemitismus weltweit vorantreiben. Auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin wird sich bemühen, dazu ihren Beitrag zu leisten.

Levi Salomon