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Jom Kippur 5779

01.September 2018 | Beiträge – jüdisches berlin | Feiertage

Betrachtungen von Gemeinderabbiner Boris Ronis

Jom Kippur gilt als unser höchster Feiertag. Er hat viel mit »Teschuwa« zu tun, der Rückkehr auf den Pfad der Tora, den Pfad der Tugend: wir haben die Aufgabe einen Schritt zurückzutreten und uns zu umzuschauen, wo wir uns auf unserem Lebensweg befinden. Das ist die große Herausforderung, die wir an diesem Tag zu meistern haben.
Besonders schwer ist das Zugehen auf Menschen. Man ist verstritten, man hat sein Herz verhärtet, eigentlich ist man nicht bereit, den ersten Schritt zu machen. Doch wir haben die Aufgabe vor Jom Kippur, alle unsere Vergehen anderen Menschen gegenüber aufzuarbeiten – uns zu entschuldigen und Entschuldigungen anzunehmen. Gott vergibt nämlich nur dann, wenn die gekränkte Person uns verziehen hat.
Der erste Schritt ist oft sehr interessant zu beobachten. Ich habe es bestimmt schon tausendmal gesehen und gehört: Leute gehen auf jemanden zu, untereinander wissen beide, was geschehen ist – aber trotzdem fangen sie mit einer halbherzigen Phrase an: »Wenn ich etwas Schlechtes gemacht haben sollte, dann bitte ich um Verzeihung…« 
Doch im Grunde genommen reicht so eine Entschuldigung nicht aus. Sie ist pauschal und oberflächlich. Sie mag ein Anfang sein, doch bis zum Ende führt sie uns nicht. Sie beschreibt nicht die Kränkung, die dem Anderen widerfahren ist und eine allgemeine Entschuldigung entschuldigt auch nicht den konkreten Sachverhalt. Jemand der sich entschuldigen will, sollte direkt auf eine Person zugehen und konkret sagen: »Bitte entschuldige mich dafür, dass ich das und das getan habe«.
Was heißt es nun für uns? Welche Bedeutung hat diese Entschuldigung und warum ist sie so wichtig?
Jom Kippur ist ein Tag des Todes – wir befinden uns vom Abend bis zum nächsten Abend in einer Zwischenwelt, bis das Urteil über uns ergangen ist und fasten deshalb, um von Gott ein milderes Urteil zu bekommen. Aber Fasten allein reicht nicht. 
Der Prophet Jesaja stellt fest:
• Fasten, ist nur dann wirksam, wenn man seiner alltäglichen Arbeit nicht nachgeht
• Es ist die Abkehr von jeglichen Auseinandersetzungen, die man sonst das ganze Jahr über führt (besonders Streitereien in der Familie, haben unsere Weisen ergänzt).
• Es ist die Abkehr von Äußerlichkeiten. Wir fasten nicht nur, sondern entsagen für einen Tag der gesamten Modewelt und all ihren Anforderungen.
• Wir lassen uns nicht nur körperlich, sondern auch geistig »hängen«.
• An diesem Tag sollen wir loslassen, niemanden bedrücken.

Es wird also einiges von uns erwartet und wir haben die schwere Aufgabe, diesen Anforderungen Genüge zu tun. Wie machen wir das aber? Vielleicht hilft uns ein kleiner Middrasch, um uns diesen Tag besser zu erklären: 
Als Rabbi Jochanan Ben Zakkai krank wurde und bevor er diese Welt verlassen musste, traten seine Schüler zu ihm, um ihn ein letztes Mal zu besuchen. Nachdem sie ihn sahen, begann er zu weinen. Sie fragten ihn, warum er weine, und er antwortete: »Wenn ich vor einem König, der aus Fleisch und Blut ist stehen werde, einer, der im Grab morgen sein wird – sterblich ist wie ich, dessen Zorn nicht ewig weilt, und der mich nicht ewig einsperren kann oder mir einen ewigen Tod verursachen – einen, den ich mit zu beschwichtigen vermag durch Wörter oder Geld – ich würde immer noch weinen. Nun, ich werde aber dem Melech Malkei Hamalahim, dem König der Könige, dem Heiligen, gesegnet sei Er, begegnen: Wenn er mich gefangen nimmt – ist es für immer, wenn er mich zum Tode führt, ist es auch für immer. Und ich kann Ihn nicht beruhigen mit Worten oder durch eine Bestechung besänftigen. Darüber hinaus gibt es zwei Wege vor mir: einen, der nach Gan Eden (Himmel) führt, und einen ins Gehinnom (Hölle). Ich weiß nicht, auf welchen Weg ich geführt werde. Wie kann ich nicht weinen?«
Wir stehen also in unseren Gedanken heute vor dem Ewigen und fasten. Darüber hinaus betrachten wir uns wie Rabbi Jochanan ben Zakkai als Menschen, die vielleicht schon morgen abberufen werden könnten und vor einem Richter und König stehen, der weder Bestechungen annimmt noch sich durch ein gutes Wort beschwichtigen lässt. 
Darum ist es unsere Aufgabe bewusst zu fasten und uns bewusst zu hinterfragen. Das ist der der Weg an Jom Kippur.

Allen ein leichtes Fasten – Zom kal und Chatima tova!

 

 Vorbereitungen zu Jom Kippur

• Wohltätigkeitsgelder sollten bereitgestellt werden. Es ist üblich für soziale und religiöse Zwecke zu spenden.
• Wir entschuldigen uns bei den Menschen, denen wir etwas Schlechtes angetan oder gesagt haben, nehmen aber auch Entschuldigungen von anderen Menschen an.
• Die letzte Mahlzeit vor Jom Kippur sollte feierlich sein, aber nicht zu üppig oder zu salzig, um das Fasten nicht zu erschweren.
• Wir beginnen mit dem Fasten am Tag vor Jom Kippur, fasten also 25 Stunden und es ist uns während der gesamten Zeit untersagt zu essen und zu trinken.
• Alle Verbote, die am Schabbat gelten, sind auch zu Jom Kippur zu beachten (Arbeitsverbot etc.).
• Es gelten weitere Verbote: Waschen zum Vergnügen, geschlechtliche Beziehungen, das Tragen von Lederschuhen.
• Wer krank oder schwanger ist, beachte den Rat seines Arztes, ob Fasten erlaubt ist oder nicht. Unmittelbar nach der Geburt eines Kindes darf nicht gefastet werden.
• Wir tragen weiße Kleidung – »Sollten auch eure Sünden scharlachrot sein, sie werden so weiß wie Schnee werden«. (Jes. 1:18).

Jom Kippur 5779