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»Seid auf keinen Fall beunruhigt, auch wenn Ihr wenig von uns hört…«

30.Oktober 2009 | Beiträge – jüdisches berlin | Gedenken

In diesem Jahr wäre Anne Frank 80 Jahre alt geworden. Bei unserer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9./10. November 1938 werden Schüler in einer Collage an sie erinnern. Mirjam Pressler, die Übersetzerin des »Tagebuchs der Anne Frank«, erzählt in ihrem neuen Buch die Geschichte der gesamten Familie Frank.

Die Geschichte der Familie Frank lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen, es ist eine der »typischen« deutsch-jüdischen Geschichten der allmählichen Emanzipation und des sozialen Aufstiegs einer Mittelstandsfamilie – bis…, bis diese Familie »typisch« deutsch-jüdisch von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Dass sie anders als Millionen anderer Juden bis heute einen Namen hat und nicht vergessen ist, hat sie ihrem jüngsten und letzten Mitglied zu verdanken: Anne Frank, geboren 1929 in Frankfurt am Main, gestorben 1945 im KZ Bergen-Belsen, in aller Welt berühmt geworden durch ihr postum veröffentlichtes, im Amsterdamer Versteck geschriebenes Tagebuch.

Der letzte noch lebende Verwandte Annes, ihr drei Jahre älterer Cousin Buddy (Bernd) Elias, lebte mit seiner Familie seit den 1930er Jahren in der Baseler Herbstgasse, wo die Franks bis zu ihrer »Zerstreuung« in alle Welt immer wieder einmal zusammenkamen und wo auch Annes Vater Otto nach dem Krieg mit seiner zweiten Frau gelebt hat. Wie durch ein Wunder haben Briefe, Papiere und Bilder der Familie auf dem Dachboden des Hauses überlebt und wurden dort vor einiger Zeit von Buddys Frau entdeckt. Dank dieses »Schatzes« ist die Vergangenheit der Familie Frank väter- wie mütterlicherseits gut dokumentiert. Sogar Gemälde, die Annes Ur- und Ururgroßeltern zeigen, existieren noch, Bilder, die 150 oder 160 Jahre alt sind. Dazu viele hundert Briefe. Mirjam Pressler, die deutsche Übersetzerin des »Tagebuchs der Anne Frank«, hat sich dieses Materials angenommen und eine eindrückliche Familiensaga geschrieben, die auch ohne den Umstand, dass eines ihrer Mitglieder weltberühmt geworden ist, lesenswert gewesen wäre und die bis in die heutige Zeit, bis zu Buddy Elias führt, der erst als Eiskunstläufer bei Holiday on Ice und später als Schauspieler (Elias Frank) Karriere machte.

Anne Franks Ur-Ur-Ur-Großväter Juda Nathan Cahn (1748–1833) und Abraham Süsskind Stern (1764–1838)waren Händler und Gelehrte im Frankfurter Ghetto und auch ihr 1796 geborener Ur-Ur-Großvater Elkan Juda Cahn hatte als kleiner Junge noch in der engen Frankfurter Judengasse hausieren gehen müssen. Doch schon eine Generation später wurde ein Vorfahr Anne Franks zum ersten jüdischen Professor in Deutschland berufen. Ihre Großmutter Alice konnte dann bereits alle Bürgerrechte genießen und führte als Bankiersgattin und Mutter von vier Kindern ein weltoffenes Haus in Frankfurt, bis die Familie durch die Nazis auseinandergerissen wurde, nach London, Paris, Basel und Amsterdam. Denn nach Palästina, nach Asien, so war man sich einig, gehörte man nicht, schließlich lebte man seit 2000 Jahren in Deutschland. Dass die Familie sich als »deutsch« betrachtete, war auch an den Vornamen abzulesen, die Söhne der Franks hießen Robert Hermann, Herbert August und Otto Heinrich (Annes Vater). Weihnachten wurde genauso gefeiert wie Chanukka. Die Kinder erhielten Klavier- und Geigenunterricht und lernten selbstverständlich Englisch, Französisch und Italienisch. Man verfasste sich gegenseitig Gedichte und korrespondierte fleißig miteinander. So schreibt Otto Frank, der nach dem frühen Tod des Vaters ein wenig die väterliche Rolle übernahm, an seine kleine Schwester Lene: »Mörike ist eine sehr gute Lectüre. Ich habe seine Werke alle in meinem Schrank. Wenn Du sie benutzt, mache sie bitte nicht schmutzig, denn sie sind weiß gebunden & halte Ordnung«.

Anne Frank, um 1941Margot Frank, um 1941Margot, Cousin Stephan und Anne, die gerade von ihrer Mutter Edith gefüttert wirdAnnes Ururgroßeltern Betty und Elkan Juda Cahn

Auch einige Jahre später, während des Ersten Weltkrieges, zeigten sich die Franks als kaisertreue brave Deutsche. Alice betätigte sich als Pflegerin in einem Lazarett und ihre drei Söhne dienten im Heer – eine absurde Situation, mussten sie doch gegen ihre Cousins kämpfen, die nach Frankreich und England ausgewandert waren. Tatsächlich fielen zwei der Cousins im Kampf gegen die Deutschen, deren Vater stürzte sich aus Verzweifelung aus dem Fenster, die Mutter musste in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden. Der letzte Sohn, der Modedesigner und Jean Cocteau-Freund Jean-Michel Frank, würde später, 1941, ebenfalls Suizid begehen.

Otto Frank, der den Krieg unverletzt überstanden hatte und inzwischen in der Familienbank arbeitete, heiratete 1925 Edith, die Tochter des Aachener Fabrikanten Abraham Holländer und seiner Frau Rosa, nach jüdischem Ritus. Denn anders als die Franks waren die Holländers religiös und führten einen koscheren Haushalt. 1926 wurde Margot, 1929 ihre Schwester Annelies Marie, genannt Anne, geboren. Vier Jahre später, der Frankschen Bank ging es nach dem New Yorker Börsencrash immer noch schlecht, die NSDAP errang einen Erfolg nach dem anderen, beschloss Otto Frank, mit seiner jungen Familie nach Amsterdam zu gehen. Dort wollte er eine Filiale der Bank und als zweites Standbein eine Dependance der Opekta-Werke aufbauen. Ihre beiden anderen Söhne waren ja bereits im Ausland, und so verließ auch Alice, Annes Oma nun Frankfurt und ging zu ihrer Tochter Leni nach Basel. Die Geschichte der Familie Frank in Frankfurt war zu Ende.

1940 besetzen die Deutschen die Niederlande. 1941, Anne ist elf, schreibt sie an ihre Oma, dass sie nicht mehr Eislaufen darf, und: »Ich würde so gern wieder mit dem Schlittschuhlaufen anfangen, aber ich muss noch eine Weile Geduld haben, bis der Krieg vorbei ist.« Doch Anne wird nie mit ihrem Cousin zusammen auftreten, wie sie es sich immer gewünscht hatte. »Bernd lehrt mich eifrig Kunstlaufen… wir bilden zusammen ein reizendes Paar und jeder ist hingerissen«, träumt sie am 18. Oktober 1942 in ihrem Tagebuch und sieht sich selbst in einem »blauen Eiskostüm mit weißem Pelzbesatz….«. Da sind die vier Amsterdamer Franks schon untergetaucht. Im Juli 1942 hatte Otto zum letzten Mal an seine Mutter in Basel geschrieben: »Seid auf keinen Fall beunruhigt, auch wenn Ihr wenig von uns hört…«

Wie es weiterging mit der Familie Frank, ist bekannt. Zwei Jahre im Versteck, dann Verrat, Deportation, Tod. Otto Frank überlebte als Einziger der acht in der Prinsengracht 236 versteckten Juden. Bis zu seinem Tod 1980 wird er sich für das Weiterleben Annes im Gedächtnis der Menschen einsetzen. Auch davon handelt Mirjam Presslers berührendes Buch.

Judith Kessler

_Mirjam Pressler unter Mitarbeit von Gerti Elias: »Grüße und Küsse an alle«. Die Geschichte der Familie von Anne Frank, S. Fischer 2009, 432 S., 22,95