Judaism
Der Sohn der Freiheit
Berliner Zeitung
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Tovia Ben-Chorin ist der neue Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er ist froh darüber, in Deutschland predigen zu können - seine Eltern mussten 1935 vor den Nazis fliehen
Olivia Schoeller
BERLIN. Es passiert häufiger, dass Tovia Ben-Chorin verwechselt wird.
Neulich erst wieder auf dem Flug von Zürich nach Berlin. Eine Stewardess kam auf ihn zu, stellte eine Flasche Wein und ein Glas auf seinen Klapptisch und
zwitscherte: "Das ist für sie. Ich weiß doch, wer sie sind." Ben-Chorin fragte überrascht: "Ach, wer bin ich denn?" Na, der Herr Reich-Ranicki, sagte die Stewardess. "Nein, der bin ich nicht", stellte Ben-Chorin klar, fragte dann aber: "Wollen Sie Ihre Flasche Wein jetzt wiederhaben?"
Tovia Ben-Chorin durfte den Wein behalten - obwohl er kein prominenter Literaturkritiker ist, sondern der neue Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Tatsächlich sieht der 72-jährige Ben-Chorin Marcel Reich-Ranicki nicht nur ähnlich, er spricht und gestikuliert auch wie er. Die Betonung seiner Sätze legt er auf das Verb, seine Rs lässt er langsam über die Zunge rollen. Außerdem durchschneidet er mit seiner Handfläche die Luft, wenn er argumentiert.
Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Während Reich-Ranickis es genießt, Kontroversen auszulösen, konzentriert sich der Rabbiner Ben-Chorin auf das harmonische Vereinen - in erster Linie der jüdischen Religion mit dem Alltag. Für den liberalen Rabbiner Ben-Chorin muss Religion vor allem lebbar sein. Sie sollte sich dem Alltag anpassen und etwas Dynamisches haben. Sonst werde sie fundamentalistisch, sagt Ben-Chorin. In Berlin wird er in der Synagoge in der Pestalozzistraße und in der Ryke- straße predigen und vielleicht einige mit seinen progressiven Ideen überraschen. Die "Liberalen"
in Berlin hält Ben-Chorin für sehr traditionell. Er will ihnen neue Wege im Glauben aufzeigen.
Dialog zwischen den Religionen
Neue Wege zu beschreiten, gehört ein wenig zur Tradition der Familie.
Ben-Chorins Vater, 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren, floh 1935 mit seiner Frau vor den Nazis nach Israel. Dort nahm er den Namen Schalom Ben-Chorin an, was übersetzt, so viel bedeutet wie "Friede - Sohn der Freiheit". In Jerusalem arbeitete der Vater zunächst als Schriftsteller und gründete dann die reformierte Gemeinde und Synagoge Har El. Neben seinen Büchern wie "Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht" ist der Vater bis heute für seinen Einsatz im Dialog zwischen Juden, Christen und Moslems bekannt.
Die Kindheit in einem offenen Haus, in dem Mitglieder der deutsch-jüdischen Kulturelite wie der Journalist Max Brod, die Dichterin Else Lasker-Schüler und der Religionsphilosoph Martin Buber ebenso verkehrten wie arabische Nachbarn, haben Tovia Ben-Chorins liberale Weltanschauung geprägt. Das Leben in Israel barg für ihn aber auch große Widersprüche. Die geisteswissenschaftliche Atmosphäre daheim stand einer kriegerischen Realität gegenüber. Als sich immer mehr seiner Schulkameraden zur Armee meldeten, fühlte sich der Pazifist Ben-Chorin wie ein Drückeberger. Mit neunzehn wurde er dann Panzerkommandant und zog in den Krieg. Er gab Befehle und tötete. "Meine Hände sind nicht rein, sonst würde ich nicht vor ihnen sitzen", sagt Ben-Chorin und wird noch deutlicher: "Ich habe Leute umgebracht." Offenbarungen, die eigentlich nicht passen zu dem zierlichen alten Mann. Doch der Kampf gehört zu Ben-Chorins Leben wie das Gebet. Heute, so sagt er es, will er für den Frieden dieselben Wagnisse eingehen, die er auch im Krieg einging.
Ohne Berührungsängste
Ein Wagnis ist die Jüdische Gemeinde in Berlin zwar nicht, aber sicher eine Herausforderung. Es interessiere ihn, in Berlin zu arbeiten, sagt Ben-Chorin, weil die Gemeinde eine von Laien geleitete Einheitsgemeinde ist, in der sowohl Liberale als auch Orthodoxe Mitglied sind. Wie vielfältig diese Gemeinde ist, erlebt er täglich. Wenn er in seinem Büro sitzt, betritt alle fünf Minuten jemand das Zimmer - oft ohne zu klopfen. Ein Mitarbeiter will den Computer anschließen, eine Sekretärin bringt eine Tasse Tee. Mit dem Mitarbeiter spricht Ben-Chorin Hebräisch, mit der Sekretärin versucht er es auf Arabisch. Und dann, weil sie ihn nicht versteht, kramt er eines seiner wenigen russischen Worte hervor: Spasibo, sagt er, danke.
Natürlich gebe es in Berlin Spannungen zwischen den russischen Einwanderern und den deutschen Juden, sagt Ben-Chorin. Das sei ihm schon nach wenigen Tagen bewusst geworden. Er spricht von Kritik und Misstrauen, aber das schüchtert ihn offenbar nicht ein. Sein wichtigster Ratgeber ist seine Frau, Tochter eines konservativen Rabbiners. Seit über 48 Jahren kennen sich Ben-Chorin und die Amerikanerin, seit 44 Jahren sind sie verheiratet. Er nennt sie "Sweetheart", wenn sie ihn auf dem Handy anruft. Keinen einzigen Tag könne er ohne das Göttliche leben, sagt Ben-Chorin, aber auch keinen ohne seine Frau.
Dass er als Sohn eines vertriebenen deutschen Juden nun in Berlin predigt, macht Ben-Chorin froh. "Die zwölf Jahre Nationalsozialismus haben der Jüdischen Gemeinde hier nicht ihren Stempel aufdrücken können", sagt der Rabbiner. Er habe keine Berührungsängste mit dem Land der Täter, er fühle sich hier wohl. In den vergangenen Jahren war er als Rabbiner in Großbritannien und Zürich tätig. Doch Deutschland, so sagt Ben-Chorin, sei anders. Hier begegne er immer wieder seinem Vater.
Der hatte sich als einer der Ersten in Israel bereits in den Fünfzigerjahren für eine Wiederannäherung an die Bundesrepublik stark gemacht. "Damals dachten alle, der Mann ist weich in der Birne", erinnert sich Ben-Chorin.
Nun zeigt er jeden Tag, dass sie Unrecht hatten.
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