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Fünf silberne Kidduschbecher und der Berliner Eierhandel

01.Januar 2012 | Beiträge – jüdisches berlin | Menschen

Das Schicksal der jüdischen Familie Adler aus Berlin-Neukölln

Als Simon Adler, geboren 1885, seine Heimat in Galizien (heute Ukraine) 1905 verließ, hoffte er in Berlin auf wirtschaftlichen Wohlstand. Während russische Juden im Deutschen Reich Schutz vor Pogromen suchten, kehrten viele Galizier der Heimat aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken. Simon Adler wollte im Westen sein Glück machen. Er konnte nicht ahnen, dass er der größten Judenverfolgung der Geschichte zum Opfer fallen würde.

Wahrscheinlich wäre seine Geschichte unbekannt geblieben ohne die fünf silbernen Kidduschbecher im Heimatmuseum Neukölln. In den Dreißiger Jahren wollten Adlers emigrieren, um den Repressalien der NS-Herrschaft zu entgehen. Die nicht-jüdische Familie Brandt zählte zu den Nachbarn und Geschäftsfreunden der Adlers, auch sie betrieb einen Laden in Neukölln. Und bekam die Kidduschbecher als Andenken geschenkt. 1988 übergab Margarete Brandt die Silberbecher dem Neuköllner Heimatmuseum, wo sie heute in der Dauerausstellung zu sehen sind.

Die schlichten Becher stehen für ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Berliner Wirtschaftsgeschichte, dem Eierhandel. Wie viele seiner Landsleute nutzte Simon Adler seine Kontakte zu galizischen Landwirten und Geflügelzüchtern, um einen erfolgreichen Lebensmittelhandel aufzubauen. 1910 stammten zwei Drittel der Berliner Eierhändler aus Russland oder Galizien, fast alle waren Juden, »Eierjuden«. Berlin war der wichtigste Eiermarkt auf dem europäischen Festland. Im Deutschen Reich wurden über sechs Milliarden Eier konsumiert, die Hälfte davon wurde aus dem Ausland eingeführt.

Rachel und Simon Adler mit ihren Söhnen Heinrich und Erich (r.), um 1915, Berlin

Rachel und Simon Adler mit ihren Söhnen Heinrich und Erich (r.), um 1915, Berlin

Simon Adler und seine Frau Rachel verkauften in eigenen Geschäften 26 Jahre lang vor allem Eier im Einzelhandel und en gros. 1909 hatte Simon Adler seinen ersten Laden eröffnet, in der Neuköllner Friedelstraße 47. Es war ein klassischer Kolonialwaren­laden, ein Vorgänger heutiger Supermärkte: Es gab Butter, Käse, Tee, Kaffee, Zucker, Kakao, Schokolade, Konserven und Marmelade. Auch Schweineschmalz gehörte zum Angebot, offenbar hatten sich die Adlers an ihre nicht-jüdische Umgebung angepasst. Später belieferte die Firma auch den Berliner Magistrat. Die Familie machte einen Umsatz von 100 000 Mark und einen Gewinn von 5000 Mark. Während sich Dienstboten um den Haushalt kümmerten, verdiente Rachel Adler Geld mit einem eigenen Marktstand.

Ihre drei Söhne, 1912 wurde Erich geboren, 1914 Heinrich und schließlich 1919 Bernhard, halfen mit im Geschäft. 1923, Deutschland versank in der Inflation, kaufte Simon Adler das Haus Schönleinstraße 17 in Kreuzberg. Der Komplex bestand aus Wohn- und Geschäftsgebäuden mit zwei Hinterhöfen. 1927 kam ein Ferienhaus in Zeuthen vor den Toren Berlins dazu.

Um den Eierhandel mit ausländischen Produkten unmöglich zu machen und vor allem jüdische Händler zu treffen, wurde im Dezember 1933 das »Gesetz über den Verkehr mit Eiern« erlassen. Von 1934 an mussten die Erzeuger die Produkte in Sammelstellen abliefern, wo jedes Ei einen Herkunftsstempel erhielt. Für die Qualitätskontrolle wurden Tierärzte eingesetzt: Einer von ihnen war der spätere TV-Tierschützer und Direktor des Frankfurter Zoos, Bernhard Grzimek. Da die bisher gut funktionierende Marktstruktur völlig zerschlagen war, kam es immer wieder zu Versorgungsengpässen. Dennoch jubelte das NS-Hetzblatt »Der Angriff« Ostern 1936: »Wieder arische Ostereier«. Simon Adler musste sein Geschäft auf Druck der Behörden aufgeben, verwunden hat er diese Demütigung nie. 1936 fasste die Familie den Entschluss, nach Palästina auszuwandern. Zwei Söhne waren bereits emigriert. Es gab aber einen schwerwiegenden Grund, der die Eltern zögern ließ: Der 21-jährige Sohn Heinrich hätte kein Einreisevisum für Palästina bekommen, denn dafür musste man ein Attest über geistige und körperliche Gesundheit vorlegen. Als Psychiatriepatient wurde er 1940 in Brandenburg (Havel) in einer Euthanasieaktion mit Gas ermordet.

Simon Adler musste mehrere Jahre Zwangsarbeit bei Siemens verrichten. Dann konnte er sich mit seiner Frau Rachel eine Weile erfolgreich vor der drohenden Deportation verstecken. Doch im April 1944 wurde das Ehepaar an Gestapo-Spitzel verraten und in das Sammellager im Jüdischen Krankenhaus gebracht. Simon und Rachel Adler starben in Auschwitz. Ihr Schicksal hat die Kulturwissenschaftlerin Karolin Steinke (»Simon Adler – ­Eierhändler in Berlin«, Hentrich & Hentrich 2011, 88 S., 8,90) recherchiert und dem Vergessen entrissen.               

Judith Meisner

_Museum Neukölln: Alt-Britz 81, 12040 Berlin: Di–So 10-18 Uhr, U7 (Parchimer Allee), Bus M44, M46 (Britzer Damm/Tempelhofer Weg)